Was ist Antisemitismus?

Der Begriff Antisemitismus wird gleichbedeutend benutzt mit Judenfeindschaft und kam Ende des 19. Jahrhundert durch die judenfeindliche Bewegung in Deutschland auf.

Es gibt Judenfeindschaft schon sehr lange. Den Anfang machte der christliche Antijudaismus, also die religiös motivierte Ablehnung von Menschen jüdischen Glaubens durch die ChristInnen, die als abgespaltene jüdische Sekte in Konkurrenz zum Judentum standen.

Im Zentrum der judenfeindlichen Vorwürfe stand die Überbetonung des Anteils der Jüdinnen und Juden an der Leidensgeschichte Jesu bis hin zum Vorwurf des "Christusmordes". Im neuen Testament findet sich Judenfeindlichkeit an vielen Stellen. Der christliche Antijudaismus verbreitete sich mit der Ausbreitung der Kirche und wurde ein Bestandteil der Volksfrömmigkeit. Im Mittelalter kamen aber noch andere Vorwürfe hinzu. Als erstes sei hier die "Ritualmordlegende" genannt. Es wurde Menschen jüdischen Glaubens vorgeworfen, dass sie christliche Kinder raubten und diese bei Ritualen töteten. Zur Zeit der Pest in Europa wurde den Jüdinnen und Juden außerdem vorgeworfen, dass sie Brunnen vergiften würden und so die Pest verbreiteten. Dies führte im 13. und 14. zu viel antijüdischer Gewalt und zu einer Verschlechterung der Stellung von Menschen jüdischen Glaubens. Es wurden Kleidervorschriften und Berufsverbote erlassen, so das viele Jüdinnen und Juden sich auf Handel und Geldverleih spezialisierten, der den ChristInnen verboten war. Nun wurden sie als "Wucherer" und als raffgierig stigmatisiert. Es waren aber keineswegs alle Menschen jüdischen Glaubens reich, der Großteil war eine verarmte und ausgestoßene Gruppe.
Die berufliche Spezialisierung hielt sich teilweise bis ins 20. Jahrhundert, so dass sich auch die Vorurteile über die große Finanzmacht der Jüdinnen und Juden und ihrer Geldgier hielten, diese Vorurteile gingen bis zu Verschwörungstheorien einer "jüdischen Pressemacht" oder sogar einen "jüdischen Weltverschwörung".

Zu dem vorher religiös oder ökonomisch begründeten Antisemitismus kam später noch der Rassenbegriff. Hier wurde vertreten, dass es einen Kampf der verschiedenen "Rassen" untereinander gäbe und die "arische Rasse" die "minderwertige jüdische Rasse" besiegen müsse. Dies steigerte sich bis zum Rassenwahn des NS-Regimes.

Latenter Antisemitismus in unserer Gesellschaft?
Auch nach dem Holocaust haben sich viele antijüdische Vorurteile nicht verändert. Viele Deutsche glauben auch heute noch, dass Jüdinnen und Juden sehr geschäftstüchtig sind und einen großen (finanziellen) Einfluss in der Welt haben. Auch der Glaube an Verschwörungstheorien über eine "jüdische Pressemacht" oder "jüdische Lobby" ist heute noch weit verbreitet. Vom historisch überlieferten Bild fehlt vor allem die Dimensionen des religiösen Konflikts, da die Kirchen heute eine andere Haltung zum Judentum haben. Auch das traditionelle Bild vom "hässlichen und feigen" Juden, der "schwächlich und unsoldatisch" ist, hat sich fast völlig verloren.
Allerdings ist auch etwas neues hinzugekommen, nämlich der sogenannte "Antisemitismus wegen Auschwitz". Menschen jüdischen Glaubens werden als "unversöhnlich und nachtragend" angesehen, weil sie mit ihrem Einfluss verhindern würden, dass endlich ein Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit der Deutschen gezogen werde.

Die Motive für Antisemitismus liegen heute vielfach im Schuldgefühl gegenüber den Jüdinnen und Juden, das sich dann in Vorurteile und Abneigung umwandelt. 20% der Deutschen z.B. glauben, dass die Jüdinnen und Juden damals eine Mitschuld an ihrer Verfolgung durch die Nazis hatten. Außerdem würden sie ihre Leiden unter der NS-Herrschaft heute dazu benutzen, um an hohe "Wiedergutsmachungs"-Zahlungen zu kommen. Mit hierein spielt auch die Existenz des Staates Israel. 17% der Deutschen sagen, dass das, "was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, im Prinzip auch nichts anderes ist als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben". Es ist also auch heute noch ein latenter Antisemitismus in unserer Gesellschaft anzutreffen.

Von Anna Schönhütte

Quelle: Informationen zur politischen Bildung, Heft Nr. 271, 2. Quartal 2001 "Vorurteile - Stereotypen - Feindbilder"

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